1772 Wetzlar

Scherenschnitt von Goethe Scherenschnitt von Goethe

 

Fels-Weihgesang - An Psyche Pilgers Morgenlied - An Lila Allgegenwärtige - Liebe!
     
     

 

 

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Fels Weihgesang
An Psyche

Veilchen bring ich getragen,
Junge Blüten zu dir,
Daß ich dein moosig Haupt
Ringsum bekränze,
Ringsum dich weihe,
Felsen des Tals.

Sei du mir heilig;
Sei den Geliebten
Lieber als andre
Felsen des Tals.

Ich sah von dir
Der Freude Seligkeit,
Verbunden Edle
Mit ewgem Band.

Ich irrer Wandrer
Fühlt erst auf dir
Besitztums-Freuden
Und Heimats-Glück.

Da, wo wir lieben,
Ist Vaterland;
Wo wir genießen,
Ist Hof und Haus.

Schrieb meinen Namen
An deine Stirn;
Du bist mir eigen,
Mir Ruhe-Sitz.

Und aus dem fernen
Unlieben Land
Mein Geist wird wandern
Und ruhn auf dir.

Sei du mir heilig,
Sei den Geliebten
Lieber als andre
Felsen des Tals.

Ich sehe sie versammelt
Dort unten um den Teich;
Sie tanzen einen Reihen
Im Sommerabendrot.
Und warme Jugendfreude
Webt in dem Abendrot,
Sie drücken sich die Hände
Und glühn einander an.
Und aus den Reihn verlieret
Sich Psyche zwischen Felsen
Und Sträuchen weg, und traurend
Um den Abwesenden
Lehnt sie sich über den Fels.
Wo meine Brust hier ruht,
An das Moos mit innigem
Liebesgefühl sich
Atmend drängt,
Ruhst du vielleicht dann, Psyche.
Trübe blickt dein Aug
In den Bach hinab,
Und eine Träne quillt
Vorbeiquollnen Freuden nach;
Hebst dann zum Himmel
Dein bittend Aug,
Erblicktest dir
Du meinen Namen.
- Auch der -
Nimm des verlebten Tages Zier,
Die bald welke Rose, von deinem Busen,
Streu die freundlichen Blätter
Übers düstre Moos,
Ein Opfer der Zukunft.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Pilgers Morgenlied
An Lila

Morgennebel, Lila,
Hüllen deinen Turm um.
Soll ich ihn zum
Letzten Mal nicht sehn!
Doch mir schweben
Tausend Bilder
Seliger Erinnerung
Heilig warm ums Herz.
Wie er so stand,
Zeuge meiner Wonne,
Als zun ersten Mal
Du dem Fremdling
Ängstlich liebevoll
Begegnetest,
Und mit einem Mal
Ewge Flammen
In die Seel ihm warfst.
Zische, Nord,
Tausend-Schlangenzüngig
Mir ums Haupt!
Beugen sollst du´s nicht!
Beugen magst du
Kindscher Zweige Haupt,
Von der Sonne
Muttergegenwart geschieden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 


Allgegenwärtige Liebe!
Durchglühst mich,
Beugst dem Wetter die Stirn,
Gefahren die Brust,
Hast mir gegossen
Ins früh welkende Herz
Doppeltes Leben,
Freude, zu Leben,
Und Mut.