1765 - 1768 Leipzig

Scherenschnitt von Goethe Goethe in Leipzig Scherenschnitt von Goethe

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Aus einem Briefe
an Riese
Aus einem Briefe
an seine Schwester
Annette an ihren
Geliebten
     
An den Schlaf

Die schöne Nacht

Glück und Traum

     
Wechsel   Der Misanthrop

..

 

 

 

 

 

 

 

 


Aus einem Briefe an Riese

Ich lebe hier wie - wie - ich weiß selbst nicht recht wie.
Doch ohngefähr

So wie ein Vogel, der auf einem Ast
Im schönsten Wald sich, Freiheit atmend, wiegt,
Der ungestört die sanfte Lust genießt,
Mit seinen Fittichen von Baum zu Baum,
Von Busch auf Busch sich singend hinzuschwingen.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aus einem Briefe an seine Schwester

Wenn man sie in ein Kloster steckte
Und ihr Gesicht mit einem Schleier deckte,
Dies könnte wohl zu ihrem Vorteil sein.
Den Reiz, der ihr jetzt fehlt, kann neue Tracht ihr geben.
Da kann sie immer einsam leben,
Sie ist ja gern allein.


 

 

 

 

 

 

 


 

 

 


 

 

Annette an ihren Geliebten

Ich sah, wie Doris bei Damöten stand,
Er nahm sie zärtlich bei der Hand;
Lang sahen sie einander an,
Und sahn sich um, ob nicht die Eltern wachen,
Und da sie niemand sahn,
Geschwind-Genug, sie machtens, wie wirs machen.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

An den Schlaf

Der du mit deinem Mohne
Selbst Götteraugen zwingst,
Und Bettler oft zum Throne,
Zum Mädchen Schäfer bringst,
Vernimm: Kein Traumgespinste
Verlang ich heut von dir,
Den größten deiner Dienste,
Geliebter, leiste mir.

An meines Mädchens Seite
Sitz ich, ihr Aug spricht Lust,
Und unter neidscher Seide
Steigt fühlbar ihre Brust;
Oft hatte meinen Küssen
Sie Amor zugebracht,
Dies Glück muß ich vermissen,
Die strenge Mutter wacht.

Am Abend triffst du wieder
Mich dort, o tritt herein,
Sprüh Mohn von dem Gefieder,
Da schlaf die Mutter ein:
Bei blassem Lichterscheinen
Von Lieb Annette warm
Sink, wie Mama in deinen,
In meinen giergen Arm.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die schöne Nacht

Nun verlaß ich diese Hütte,
Meiner Liebsten Aufenthalte,
Wandle mit verhülltem Schritte
Durch den öden finstern Wald.
Luna bricht durch Busch und Eichen,
Zephir meldet ihren Lauf,
Und die Birken streun mit Neigen
Ihr den süßen Weihrauch auf.

Wie ergötz ich mich im Kühlen
Dieser schönen Sommernacht!
O wie still ist hier zu fühlen,
Was die Seele glücklich macht!
Läßt sich kaum die Wonne fassen!
Und doch wollt ich, Himmel, dir
Tausend solcher Nächte lassen,
Gäb mein Mädchen Eine mir.

 

 

 

 

 

 

 

 


 


Glück und Traum

Du hast uns oft im Traum gesehen
Zusammen zum Altare gehen,
Und dich als Frau, und mich als Mann.
Oft nahm ich wachend deinem Munde
In einer unbewachten Stunde,
So viel man Küsse nehmen kann.

Das reinste Glück, das wir empfunden,
Die Wollust mancher reichen Stunden
Floh wie die Zeit mit dem Genuß.
Was hilft es mir, daß ich genieße?
Wie Träume fliehn die wärmsten Küsse,
Und alle Freude wie ein Kuß.
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wechsel

Auf Kieseln im Bache da lieg ich, wie helle!
Verbreite die Arme der kommenden Welle,
Und buhlerisch drückt sie die sehnende Brust;
Dann führt sie der Leichtsinn im Strome darnieder,
Es naht sich die zweite, sie streichelt mich wieder:
So fühl ich die Freuden der wechselnden Lust.

Und doch, und so traurig, verschleifst du vergebens
Die köstlichen Stunden des eilenden Lebens,
Weil dich das geliebteste Mädchen vergißt!
O ruf sie zurücke, die vorigen Zeiten,
Es küßt sich so süße die Lippe der Zweiten,
Als kaum sich die Lippe der Ersten geküßt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Misanthrop

A.
Erst sitzt er eine Weile,
Die Stirn von Wolken frei;
Auf einmal kömmt in Eile
Sein ganz Gesicht der Eule
Verzerrtem Ernste bei.

B.
Sie fragen was das sei?
Lieb oder Lange Weile?

C.
Ach, sie sinds alle zwei.