Klassiker -

hier habe ich eine kleine Auswahl
meiner Lieblingsgedichte zusammengetragen,
die man wohl im allgemeinen als Klassiker bezeichnet.


Suleika Ecce homo Schleier
     
Klärchens Lied Die Rose Mensch und All
     
Mein Leben Sternseherin Lise Der Tod
     
Mondnacht Mein Herz Alter Friedhof
     
Wer hier nicht Hier lebt sie heut Du, der ich´s nicht sage...
     
Media in vita Im Nebel Sie liebten sich beide
     
Erinnerung Es leiht mir... Alles geben Götter
     
Schauder Beginn des Endes Unser ganzes Leben...
     
Das Geheimnis der... Blick in den Strom  

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 


Klärchens Lied

Freudvoll
Und Leidvoll,
Gedankenvoll sein;
Langen
Und bangen
In schwebender Pein,
Himmelhoch jauchzend,
Zum Tode betrübt,
Glücklich allein
Ist die Seele die liebt!

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

 

 

 

 

 



Der Tod

Ach, es ist so dunkel in des Todes Kammer,
Tönt so traurig, wenn er sich bewegt
Und nun aufhebt seinen schweren Hammer
Und die Stunde schlägt.


Matthias Claudius
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Die Sternseherin Lise

Ich sehe oft um Mitternacht,
Wenn ich mein Werk getan
Und niemand mehr im Hause wacht,
Die Stern´ am Himmel an.

Sie gehn da hin und her zerstreut,
Als Lämmer auf der Flur;
In Rudeln auch, und aufgereiht,
Wie Perlen auf der Schnur;

Und funkeln alle weit und breit,
Und funkeln rein und schön;
Ich seh die große Herrlichkeit
Und kann mich satt nicht sehn...

Dann dann saget, unterm Himmelszelt,
Mein Herz mir in der Brust:
"Es gibt was bessres in der Welt
Als all ihr Schmerz und Lust."

Ich werf mich in mein Lager hin,
Und liege lange wach,
Und suche es in meinem Sinn
Und sehne mich danach.

Matthias Claudius

 

 

 

 

 


 

 


Die Rose

Begreift ihr nun? Mein Ursprung ist der Hauch.
Ein Hauch ist nichts. Und der Name auch.

Erfüllt es tief. Mein Ende ist der Duft.
Sehr sanft entläßt ihn meines Namens Gruft.

Die Gruft ist leer. O neu gehauchtes Glück.
Die Welt strömt ein. Ich atme sie zurück.

Elisabeth Langgässer

 

 

 

 

 

 

 

 


Mondnacht

Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nur träumen müßt.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannt
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.


Josef Freiherr von Eichendorff
 

 

 

 

 

 

 

 


Im Nebel

Seltsam, im Nebel zu wandern !
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben Licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allem ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern !
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.


Hermann Hesse
 

 

 

 

 

 

 


Blick in den Strom

Sahst du ein Glück vorübergehn,
Das sich nie wiederfindet,
Ist´s gut, in einen Strom zu sehn,
Wo alles wogt und schwindet.

O starre nur hinein, hinein,
Du wirst es leichter missen,
Was dir, und sollt´s dein Liebstes sein,
Von Herzen ward gerissen.

Blick unverwandt hinab zum Fluß,
Bis deine Tränen fallen,
Und sieh durch ihren warmen Guss
Die Flut hinunterwallen.

Hinabträumend wird Vergessenheit
Des Herzens Wunde schließen;
Die Seele sieht mit ihrem Leid
Sich selbst vorüberfließen.

Nikolaus Lenau

 

 

 

 

 

 

 


Suleika

Ach, um deine feuchten Schwingen,
West, wie sehr ich dich beneide,
Denn du kannst ihm Kunde bringen,
Was ich durch die Trennung leide !

Die Bewegung deiner Flügel
Weckt im Busen stilles Sehnen,
Blumen, Augen, Wald und Hügel
Steh´n bei deinem Hauch in Tränen.

Doch dein mildes, sanftes Wehen
Kühlt die wunden Augenlider;
Ach, vor Leid müsst ich vergehen,
Hofft´ ich nicht, wir sehn uns wieder.

Geh denn hin zu meinem Lieben,
Spreche sanft zu seinem Herzen;
Doch vermeid ihn zu betrüben
Und verschweig ihm meine Schmerzen.

Sag ihm nur, doch sag´s bescheiden,
Seine Liebe sei mein Leben,
Freudiges Gefühl von beiden
Wird mir seine Nähe geben.

Marianne von Willemer

 

 

 

 

 

 

 


Schauder

Jetzt bist du da,
Dann bist du dort.
Jetzt bist du nah,
Dann bist du fort.
Kannst du´s fassen ?
Und über eine Zeit
Gehen wir beide
In die Ewigkeit.
Dahin - dorthin.
Und was blieb..?
Komm, schließ die Augen,
Und halt mich lieb !


Christian Morgenstern
 

 

 

 

 





Ecce homo

Ja ! Ich weiß woher ich stamme !
Ungesättigt gleich der Flamme
Glühe und verzehr ich mich.
Licht wird alles, was ich fasse,
Kohle alles was ich lasse:
Flamme bin ich sicherlich !


Friedrich Nietzsche
 

 

 

 

 

 

 

 

 


Sie liebten sich beide...

Sie liebten sich beide, doch keiner
Wollt´ es dem andern gesteh´n;
Sie sahen sich an, so feindlich,
Und wollten vor Liebe vergeh´n.

Sie trennten sich endlich und sah´n sich
Nur noch zuweilen im Traum;
Sie waren längst gestorben
Und wußten es selber kaum.


Heinrich Heine
 

 

 

 

 

 

 

 




Schleier

Wir leben
Mit einem Bein
Im Diesseits,
Mit dem anderen Bein
Im Jenseits
Unterliegen somit
Der Täuschung,
Mit beiden Beinen
Fest
Auf der Erde zu stehen.


Gisela Gräfin zu Solms - Wildenfels
 

 

 

 

 

 

 

 
 


Erinnerung

Hab ich mich nicht losgerissen,
Nicht mein Herz von ihr gewandt,
Weil ich sie verachten müssen,
Weil ich wertlos sie erkannt ?

Warum steht in holdem Bangen
Sie denn immer noch vor mir ?
Woher dieses Glutverlangen,
Das mich jetzt noch zieht zu ihr ?

Tausend alte Bilder kommen,
Ach! und jedes, jedes spricht:
Ist der Pfeil auch weggenommen,
Ist´s darum die Wunde nicht.

Franz Grillparzer
 

 

 

 

 

 


 

 


Wer hier nicht zur Vollendung gelangt,
Gelangt vielleicht drüben,

Oder muß eine abermalige
Irdische Laufbahn beginnen. -

Sollte es nicht
Auch drüben einen Tod geben,

Dessen Resultat
Die irdische Geburt wäre ?


Freiherr von Hardenberg (Novalis)

 

 

 

 

 

 

 


Hier lebt sie heut´
Vielleicht erneut
Zu büßen Schuld
Aus früher´n Leben,
Die dorten ihr
Noch nicht vergeben.


aus "Parsifal"
von

Richard Wagner
 

 

 

 

 

 

 

 


Alles geben Götter

Alles geben Götter,
Die unendlichen,
Ihren Lieblingen ganz:
Alle Freuden,
Die unendlichen,
Alle Schmerzen,
Die unendlichen, ganz.


Johann Wolfgang von Goethe
 

 

 

 

 

 

 

 


Media in vita

Aus Todes Furcht, aus Angst des Lebens,
Aus mittler Mitte dieser Zeit
Schrei ich zu dir und schrei vergebens,
Ich rufe dich; und du bist weit.

In dumpfer Dämmernis gefangen
Der ewig widerspenstigen Pein,
Fühl ich nicht Reue, nur Verlangen;
Nicht mehr von Adams Blut zu sein.

Viel hat sich schon mit mir begeben;
Und wieder viel bereitet sich;
Da dennoch alles, Tod und Leben
Nur ein Geschwätz sind ohne dich.

Rudolf Alexander Schröder
 

 

 

 

 

 



 


Mensch und All

Ich aß und trank in jeder Speise
Die Sonne selbst, die ihren Strahl
Umwandelt auf geheime Weise
Zu Wein und Brot beim Erdenmahl.

In meiner Brust die Atemwelle
Lief durch den ganzen Lebensstrom.
In meines Leibes letzter Zelle
Fehlt von Gestirnen kein Atom.

Wie müßt´ ich sein, der Allumkreiste,
Der Schöpfung heimatlich vertraut...
Du aber schufst mich, Gott, im Geiste
So fremd, so urfremd, daß mir graut.


Franz Werfel

 

 

 

 

 

 

 

 


Beginn des Endes

Ein Punkt nur ist es, kaum ein Schmerz,
Nur ein Gefühl, empfunden eben;
Und dennoch spricht es stets darein,
Und dennoch stört es dich zu leben.

Wenn du es andern klagen willst,
So kannst du´s nicht in Worte fassen.
Du sagst dir selber: "Es ist nichts!"
Und dennoch will es dich nicht lassen.

So seltsam fremd wird dir die Welt,
Und leis verläßt dich alles Hoffen,
Bis du es endlich, endlich weißt,
Daß dich des Todes Pfeil getroffen.


Theodor Storm

 

 

 

 

 

 
 


Das Geheimnis der Reminiszenz

Waren unsre Wesen
schon verflochten ?

War es darum,
daß die Herzen pochten ? -

Waren wir im Strahl
erloschner Sonnen,

In den Tagen
längst verrauster Wonnen

Schon in eins
zerronnen ?

Ja, wir waren´s !

Innig mir verbunden
warst du in Äonen die entschwunden;

Meine Muse sah es auf der trüben Tafel
der Vergangenheit geschrieben:

Eins
mit
deinen
Lieben !

Friedrich Schiller

 

 

 

 

 

 


 


Unser ganzes Leben ist ein Traum.
Die Träume unseres jetzigen Lebens
Sind die Welt, in der wir
Die Gedanken und Gefühle
Eines früheren Lebens ausarbeiten.

Wie wir in unserem jetzigen Leben
Tausend Träume durchleben;

So ist unser gegenwärtiges Leben
Nur eines von Tausenden solcher Leben;
Die wir aus einem anderen,
Wirklicheren Leben betreten,
In das wir nach dem Tode zurückkehren.

Unser Leben ist nur
Eines der Träume
Unseres wirklichen Lebens. -
Ich glaube daran.
So ist es, ohne jeden Zweifel.


Leo Tolstoi
 

 

 

 

 

 

 

 
 


Mein Herz, ich will dich fragen,
Was ist denn Liebe, sag ? -
Zwei Seelen und ein Gedanke,
Zwei Herzen und ein Schlag !

Und sprich, woher kommt Liebe ? -
Sie kommt, und sie ist da !
Und sprich, wie schwindet Liebe ? -
Die war´s nicht, der´s geschah !

Uns was ist reine Liebe ? -
Die ihrer selbst vergißt !
Und wann ist Lieb am tiefsten ? -
Wenn sie am stillsten ist !

Und wann ist Lieb am reinsten ? -
Das ist sie, wenn sie gibt !
Und sprich, wie redet Liebe ? -
Sie redet nicht, sie liebt !


Friedrich Halm

 

 

 

 

 

 

 

 

 
 


Alter Friedhof

Urnen füllen sich und Krüge
Mit der Jahre grünem Moose.
Es verliert im Busch der Weg sich,
Es verwilderte die Rose.

Rost stürzt durch die Tür der Grüfte,
Wo die Gräber fröhlich sprießen,
Schloss und Riegel bröckeln nieder.
Was ist hier noch zu verschließen ?

Nutzlos sind die Lebenslettern
Denen, die so tief hier schlafen.
Namen lösen sich und Zahlen
Von den alten Epitaphen.

An den Steinen, die zerfallen,
An den Kreuzen, die sich neigen,
Merkst du, daß die Totenklagen
Längst geheilt sind durch das Schweigen.

Denn es löst die Zeit die Schmerzen,
Die uns bleiben als Vermächtnis.
Länger währt das Reich der Toten
Als der Lebenden Gedächtnis.


Friedrich Georg Jünger

 

 

 


 

 


Mein Leben,
Ein Leben ist es kaum,
Ich geh durch die Straßen
Als wie im Traum.

Wie Schatten
Huschen die Menschen hin,
Ich selber
Ein Schatten dazwischen bin.

Und im Herzen
Tiefe Müdigkeit -
Alles mahnt mich:
Es ist Zeit !


Theodor Fontane

 

 

 


 

 


 


Es leiht mir wunderbare Stärke
Die Zuversicht,
Daß nimmermehr ich sterbe,
Daß ungehemmt
Ich meine Werke vollbringe,
Ob auch oft
Mein Leib verderbe;

Es wirkt, daß ich
Mit ernster Ruhe
Von meiner Pläne Fehlschlag
Mich ermanne -

Ich weiß,
Was ich erstrebe;
Was ich tue,
Ist nicht gebannt
An eines Lebens Spanne !


Christian Morgenstern

 

 

 

 

 

 

 

 


Du, der ich´s nicht sage

Du, der ich´s nicht sage, daß ich bei Nacht
weinend liege,
deren Wesen mich müde macht
wie eine Wiege.
Du, die mir nicht sagt, wenn sie wacht
um meinetwillen:
wie, wenn wir diese Pracht
ohne zu stillen
in uns ertrügen?

Rainer Maria Rilke