1756 - 1765 Frankfurt

 

Scherenschnitt von Goethe Ansicht auf Frankfurt Scherenschnitt von Goethe

 

An die Großeltern Textur 1757 An die Großeltern Textur 1762 Poetische Gedanken über die
Höllenfahrt Jesu Christi
     
Der Autor

In das Stammbuch von
Friedrich Maximilian Moors

In das güldene
Schatzkästlein der Mutter

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An die Großeltern Textur

Bei dem erfreulichen Anbruche
des 1757. Jahres wollte seinen
Hochgeehrtesten und Herzgeliebten
Groß-Eltern
Die Gesinnungen Kindlicher Hochachtung
und Liebe durch
folgende Segens-Wünsche
zu erkennen geben
Deroselben
Treugehorsamster Enkel
Johann Wolfgang Goethe.

Erhabener Groß-Papa! Ein neues Jahr erscheint,
Drum muß ich meine Pflicht und Schuldigkeit entrichten,
Die Ehrfurcht heißt mich hier aus reinem Herzen dichten,
So schlecht es aber ist, so gut ist es gemeint.
Gott, der die Zeit erneut, erneuere auch ihr Glück,
Und kröne Sie dies Jahr mit stetem Wohlergehen;
Ihr Wohlsein müsse lang so fest wie Zedern stehen,
Ihr Tun begleite stets ein günstiges Geschick;
Ihr Haus sei wie bisher des Segens Sammelplatz,
Und lasse Sie noch spät Möninens Ruder führen,
Gesundheit müsse Sie bis an Ihr Ende zieren,
Denn diese ist gewiß der allergrößte Schatz.

Erhabne Groß-Mama! Des Jahres erster Tag
Erweckt in meiner Brust ein zärtliches Empfinden,
Und heißt mich ebenfalls Sie jetzo anzubinden
Mit Versen, die vielleicht kein Kenner lesen mag;
Indessen hören Sie die schlechten Zeilen an,
Indem sie wie mein Wunsch aus wahrer Liebe fließen.
Der Segen müsse sich heut über Sie ergießen,
Der Höchste schütze Sie, wie Er bisher getan.
Er sollte Ihnen stets, was Sie sich wünschen, geben,
Und lasse Sie noch oft ein Neues Jahr erleben.
Dies sind die Erstlinge, die Sie anheut empfangen,
Die Feder wird hinfort mehr Fertigkeit erlangen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 


An die Großeltern Textur

Bei diesem neuen
Jahres Wechsel überreicht
Seinen Verehrungswürdigen
Groß-Eltern
dieses Opfer
aus kindlicher Hochachtung
Joh. Wolfg. Goethe
den 1. Jenner 1762
 

Groß-Eltern, da dies Jahr heut seinen Anfang nimmt,
So nehmt auch dieses an, das ich vor
Euch bestimmt,
Und ob
Apollo
schon mir nicht geneigt gewesen,
So würdiget es doch nur einmal durchzulesen.
Ich wünsch aus kindlichem gehorsamen Gemüte
Euch alles Glück und Heil von Gottes Hand und Güte,
Sein guter Engel sei bei Euch in aller Zeit.
Er geb Euch das Geleit in Widerwärtigkeit,
Sowohl als in dem Glück, und laß Euch lang noch leben,
Daß Ihr Urenkeln noch den Segen könnet geben.
Dies schreibt der ältere von Euer Töchter Söhnen,
Um sich auch nach und nach zu denken angewöhnen,
Und zeigt ingleichen hier mit diesen Zeilen an,
Was er dies Jahr hindurch im Schreiben hat getan.
Wenn mich bis übers Jahr die Parzen schonen täten,
Wie gern wollt ich denn mit fremder Zunge reden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 


Poetische Gedanken über die
Höllenfahrt Jesu Christi
(auf Verlangen entworfen)

Welch ungewöhnliches Getümmel!
Ein Jauchzen tönet durch den Himmel.
Ein großes Heer zieht herrlich fort.
Gefolgt von tausend Millionen,
Steigt Gottes Sohn von Seinen Thronen
Und eilt an jenen finstren Ort.
Er eilt, umgeben von Gewittern;
Als Richter kommt er und als Held.
Er geht und alle Sterne zittern.
Die Sonne bebt. Es bebt die Welt.

Ich seh Ihn auf dem Siegeswagen,
Von Feuerrädern fortgetragen,
Den, der der für uns am Kreuze starb.
Er zeigt den Sieg auch jenen Fernen,
Weit von der Welt, weit von den Sternen,
Den Sieg, den Er für uns erwarb.
Er kommt, die Hölle zu zerstören,
Die schon sein Tod darniederschlug;
Sie soll von Ihm ihr Urteil hören.
Höret! Jetzt erfüllet sich der Fluch.

Die Hölle sieht den Sieger kommen,
Sie fühlt sich ihre Macht genommen.
Sie bebt uns scheut sein Angesicht.
Sie kennet Seines Donners Schrecken.
Sie sucht umsonst sich zu verstecken.
Sie sucht zu fliehn und kann es nicht.
Sie eilt vergebens, sich zu retten
Und sich dem Richter zu entziehn,
Der Zorn des Herrn, gleich ehrnen Ketten,
Hält ihren Fuß, sie kann nicht fliehn.

Hier lieget der zertretene Drache,
Er liegt und fühlet des Höchsten Rache,
Er fühlet sie und knirscht vor Wut.
Er fühlet der ganzen Hölle Qualen,
Er ächzt und heult bei tausend Malen:
Vernichte mich, o heiße Glut!
Da liegt er in dem Flammen-Meere,
Ihn foltern ewig Angst und Pein.
Er flucht, daß ihn die Qual verzehre,
Und hört, die Qual soll ewig sein.

Auch hier sind jene großen Scharen,
Die mit ihm gleichen Lasters waren,
Doch lange nicht so bös als er.
Hier liegt die ungezählte Menge,
In schwarzem, schröcklichen Gedränge,
Im Feuer-Orkan um ihn her.
Er sieht, wie sie den Richter scheuen,
Er sieht, wie sie der Sturm zerfrißt.
Er siehts und kann sich doch nicht freuen,
Weil seine Pein noch größer ist.

Des Menschen Sohn steigt im Triumphe
Hinab zum schwarzen Höllen-Sumpfe
Und zeigt dort seine Herrlichkeit.
Die Hölle kann den Glanz nicht tragen,
Seit ihren ersten Schöpfungs-Tagen
Beherrschte sie die Dunkelheit.
Sie lag entfernt von allem Lichte,
Erfüllt von Qual im Chaos hier.
Den Strahl von Seinem Angesichte
Verwandte Gott von stets auf ihr.

Jetzt siehet sie in ihren Grenzen
Die Herrlichkeit des Gottes glänzen,
Die fürchterliche Majestät.
Sie sieht mit Donnern Ihn umgeben,
Sie sieht, daß alle Felsen beben,
Wie Gott im Grimme vor ihr steht.
Sie siehts: Er kommet, sie zu richten,
Sie fühlt den Schmerzen, der sie plagt;
Sie wünscht umsonst, sich zu vernichten.
Auch dieser Trost bleibt ihr versagt.

Nun denkt sie an ihr altes Glücke,
Voll Pein an jene Zeit zurücke,
Da dieser Glanz ihr Lust gebar;
Da noch ihr Herz im Stand der Tugend,
Ihr froher Geist in frischer Jugend
Und stets voll neuer Wonne war.
Sie denkt mit Wut an ihr Verbrechen,
Wie sie die Menschen kühn betrog.
Sie dachte sich an Gott zu rächen,
Jetzt fühlt sie, was es nach sich zog.

Gott ward ein Mensch. Er kam auf Erden.
Auch dieser soll mein Opfer werden,
Sprach Satanas und freute sich.
Er suchte Christum zu verderben,
Der Welten Schöpfer sollte sterben.
Doch, weh dir, Satan, ewiglich!
Du glaubtest, Ihn zu überwinden,
Du freutest dich bei seiner Not.
Doch siegreich kommt Er, dich zu binden.
Wo ist dein Stachel hin, o Tod?

Sprich, Hölle! Sprich, wo ist dein Siegen?
Sieh nur wie deine Mächte liegen.
Erkennst du bald des Höchsten Macht?
Sieh, Satan! Sieh dein Reich zerstöret.
Von tausendfacher Qual beschweret,
Liegst du in ewig finstrer Nacht.
Da liegst du wie vom Blitz getroffen.
Kein Schein vom Glück erfreuet dich.
Es ist umsonst. Du darfst nichts hoffen,
Messias starb allein für mich!

Es steigt ein Heulen durch die Lüfte,
Schnell wanken jene schwarze Grüfte,
Als Christus sich der Hölle zeigt.
Sie knirscht aus Wut; doch ihrem Wüten
Kann unser großer Held gebieten;
Er winkt, die ganze Hölle schweigt.
Der Donner rollt von seiner Stimme.
Die hohe Siegesfahne weht.
Selbst Engel zittern vor dem Grimme,
Wann Christus zum Gerichte geht.

Jetzt spricht Er; Donner ist sein Sprechen,
Er spricht, und alle Felsen brechen.
Sein Atem ist dem Feuer gleich.
So spricht Er: Zittert ihr Verruchte!
Der, der in Eden euch verfluchte,
Kommt und zerstöret euer Reich.
Seht auf! Ihr waret meine Kinder,
Ihr habt euch wider mich empört.
Ihr fielt und wurdet freche Sünder,
Ihr habt den Lohn, der euch gehört.

Ihr wurdet Meine größten Feinde,
Verführtet Meine liebsten Freunde.
Die Menschen fielen so wie ihr.
Ihr wolltet ewig sie verderben,
Des Todes sollten alle sterben,
Doch heulet! Ich erwarb sie Mir.
Für sie bin Ich herabgegangen,
Ich litt, Ich bat, Ich starb für sie.
Ihr sollt nicht euren Zweck erlangen.
Wer an mich glaubt, der stirbet nie.

Hier lieget ihr in ewgen Ketten,
Nichts kann euch aus dem Pfuhl erretten,
Nicht Reue, nicht Verwegenheit.
Da liegt, krümmt euch in Schwefel-Flammen!
Ihr eilet, euch selbst zu verdammen.
Da liegt und klagt in Ewigkeit!
Auch ihr, so Ich Mir auserkoren,
Auch ihr verscherztet Meine Huld;
Auch ihr seid ewiglich verloren.
Ihr murret? Gebt Mir keine Schuld.

Ihr sollet ewig mit Mir leben,
Euch war hierzu Mein Wort gegeben,
Ihr sündigtet und folgtet nicht.
Ihr lebtet in dem Sünden-Schlafe.
Nun quält euch die gerechte Strafe,
Ihr fühlt mein schreckliches Gericht. -
So sprach Er, und ein furchtbar Wetter
Geht von Ihm aus. Die Blitze glühn.
Der Donner faßt die Übertreter
Und stürzt sie in den Abgrund hin.

Der Gott-Mensch schließt der Höllen Pforten,
Er schwingt Sich aus den dunklen Orten
In Seine Herrlichkeit zurück.
Er sitze an des Vaters Seiten,
Er will noch immer für uns streiten.
Er wills! O, Freunde! Welches Glück?
Der Engel feierliche Chöre,
Die jauchzen vor dem großen Gott,
Daß es die ganze Schöpfung höre:
Groß ist der Herr Gott Zebaoth!
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



 

Der Autor
(von Goethe?)

Wenn in den ersten Augenblicken,
Da kaum ein Jüngling schreibt, Kritiken
Den nahen Fall ihm prophezein,
Da mag ich nicht ein Autor sein.
Doch, lobt man ihn nach seinen Jahren,
Und spornt ihn an so fortzufahren,
Mischt man auch gleichwohl Tadel ein,
Dann möcht ich gern ein Autor sein.

Wenn mich ein dummer Mensch erhöhet,
Der nichts von meiner Schrift verstehet,
Und spricht: ich schreibe witzig, fein,
Da mag ich nicht ein Autor sein.
Wenn aber Kluge sich verbinden,
Die Fehler meines Werks zu finden,
Und macht mich auch ihr Tadel klein,
Da möcht ich doch ein Autor sein.

Wenn unsre schlechte teutsche Bühnen
Sich noch des Lipperleins bedienen,
Ist Buffon, Harlekin darein,
Da mag ich nicht ein Autor sein.
Doch wenn in echten Trauerspielen
Wir nachgeahmte Schmerzen fühlen,
Nimmt uns die Sara Samson ein,
Da möcht ich so ein Autor sein.

Wenn S. stolz Epoeen machet,
Daß jeder statt zu weinen, lachet,
Rühmt ihn gleich G. als schön, als rein,
Da mag ich nicht ein Autor sein.
Doch wenn ich im Virgil gelesen,
Und sehe, daß er groß gewesen,
Dann denkt mein Geist voll Gram und Pein:
Ach! so kein Autor kannst du sein.

Wenn junge Herren, die nichts denken,
Mir ihren ganzen Beifall schenken,
Und immer "Artig, artig" schrein,
Da mag ich doch kein Autor sein.
Doch wenn mich kluge Mädchen preisen
Und meine Schriften rührend heißen,
Da nimmt mich schnell die Schreibsucht ein,
Da möcht ich gleich ein Autor sein.
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


In das Stammbuch von
Friedrich Maximilian Moors

Dies ist das Bild der Welt,
Die man für die beste hält:
Fast wie eine Mördergrube,
Fast wie eines Burschen Stube,
Fast so wie ein Opernhaus,
Fast wie ein Magisterschmaus,
Fast wie Köpfe von Poeten,
Fast wie schöne Raritäten,
Fast wie abgesetztes Geld
Sieht sie aus, die beste Welt.
(Risum teneatis amici! Horatius)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 


In das güldene Schatzkästlein der Mutter

Das ist mein Leib, nehmt hin und esset,
Das ist mein Blut, nehmt hin und trinkt.
Auf daß ihr meiner nicht vergesset,
Auf daß nicht euer Glaube sinkt.
Bei diesem Wein, bei diesem Brot
Erinnert euch an meinen Tod.

Zum Zeichen der Hochachtung
und Ehrfurcht setzte dieses
seiner geliebten Mutter
Frankfurt den 30.September 1765
J. W. Goethe